Inkontinenz ist die Unfähigkeit, Urin und/oder Stuhl sicher zu speichern und auszuscheiden. Dabei müssen sowohl Ort als auch Zeitpunkt selbstbestimmt sein.
Schon beim Lesen der Definition spürt man, dass dies kein attraktives Thema ist. Wer einen älteren Familienangehörigen mit diesem Leiden hat, weiß, wie unangenehm es ist. Aber auch Jüngere sind oft bereits betroffen, und Männer sind ebenfalls nicht gefeit davor. Die meisten fühlen sich mit dem ungewollten Urinabgang fürchterlich allein Das liegt vor allem daran, dass nicht darüber gesprochen wird. Dabei sind die Fallzahlen sehr hoch. Die Hersteller von Inkontinenzeinlagen arbeiten mit ihren Werbestrategien zwar derzeit daran, das Thema zu enttabuisieren, trotzdem eignet es sich wenig zum vergnüglichen Gesprächsstoff.
Die verheimlichte Volkskrankheit Inkontinenz

Das deutsche Ärzteblatt schreibt: „Nach neueren Untersuchungen wird eine Harninkontinenz in der Bevölkerung bei 20 bis 36 Prozent aller über 40-Jährigen gefunden. …. Etwa 40 Prozent der Patienten in der allgemeinmedizinischen Praxis erwähnen vorhandene Symptome einer Inkontinenz nicht. … Männer leiden unter Harninkontinenz häufiger ab dem 50. Lebensjahr, während bei Frauen die Häufigkeit der zufälligen und regelmäßigen Harninkontinenz schon eher ansteigt.“
Bei älteren Menschen kommt es oft zur sozialen Isolation. „Inkontinenz bringt einen nicht um, aber nimmt einem das Leben.“ Betroffene schränken sich in ihrem Lebensradius sehr stark ein, damit sie in der Öffentlichkeit nicht in Bedrängnis kommen.
Probleme, die einen dazu bringen, sich so eine Einlage in den Slip zu kleben, werden häufig mit den harmloser klingenden Begriffen wie „Blasenschwäche“ oder „Reizblase“ bezeichnet. Die stehen für die beiden häufigsten Themen: Die Belastungsinkontinenz und die überaktive Blase. Wenn man wirkungsvoll etwas dagegen tun will, sollte man genau unterscheiden, was einen plagt:
Beginnt oft schleichend – das „Tröpfelproblem“

Zuerst ist es ein harmloses Tröpfchen, das Frauen gelegenlich beim Niesen oder Springen verlieren, bevorzugt in den Tagen vor der Periode. Damit kündigt sich die Belastungsinkontinenz an. Wenn dir irgendwo der Begriff „Stressinkontinenz“ begegnet – der ist veraltet und verwirrend. Denn mit Stress verbinden wir eigentlich immer etwas mentales und nicht körperliche Belastung. Folgende Frage macht es klarer: „Verlierst du tröpfchenweise Urin beim Husten, Springen, Niesen und Joggen?“ Wenn du hier mit „Ja“ antworten musst, dann ist die Diagnose „Belastungsinkontinenz Grad 1“. Spürst du schon bei abrupten Körperbewegungen eine unangenehme Feuchtigkeit, dann bist du leider bereits bei Grad 2. Zum Glück kann man in beiden Fällen häufig durch geeignetes Training Besserung erreichen.
Bei der Belastungsinkontinenz übersteigt der Druck von oben die Schließkraft der Blasenmuskulatur. Druck kann entweder intraabdominal durch das Zwerchfell verursacht werden, wie beim Husten, oder durch Auf- und Abbewegungen des Körpers wie beim Hüpfen oder Trampolinspringen.
Bei dieser Form der Inkontinenz helfen klassische, gut durchgeführte Beckenbodenübungen oft sehr gut. Der Verschlussmechanismus braucht Kräftigung. Wichtig ist auch, die Körperhaltung zu verbessern, denn z.B. ein Hohlkreuz oder eine „bucklige“ Haltung bewirkt, dass die vorhandene Muskulatur nicht gut funktioniert. Und schließlich kann man noch verhindern, dass der Druck von oben ungebremst auf den Beckenboden prallt, z.B. indem man beim Husten und Niesen den Oberkörper deutlich zur Seite dreht. Beim Joggen solltest du dir einen „beckenbodenfreudlichen“ Laufstil angwöhnen – nicht so sehr hüpfen, sondern eher gleiten.
Erst wenn diese Optionen ausgeschöpft sind, und die verbleibende Inkontinz nicht tolerierbar ist, sollte man weiterführende Therapieoptionen in Betracht ziehen. Das sind Operationen, die den Blasenhals heben (TVT-Band, „Blase hochnähen“) oder Medikamente (Duloxetin).
Problem im Kopf – die „nervöse Blase“
„Wenn du musst, musst du dann sofort, oder kannst du es noch aufschieben?“ Die überaktive Blase ist geprägt von überfallsartigem Harndrang, der einen zur Toilette rennen lässt. Wem auf dem Weg dahin gelegentlich oder öfter ein Malheur passiert, hat bereits eine Dranginkontinenz. Wenn du es noch regelmäßig trocken schaffst, hast du „nur“ eine überaktive Blase. Inkontinenz bedeutet immer Urinverlust.

Aber das kann nerven, so oder so! Betroffene Frauen berichten, sie kennen jede Kaufhaustoilette. Und auch Männer sind nicht selten mit einer überaktiven Blase geplagt, vor allem im Zusammenhang mit einer gutartigen Prostatavergrößerung. Dabei muss die Blase noch gar nicht gefüllt sein für diesen lästigen Harndrang. Oft sind die Urinmengen sogar recht gering.
Bei der überaktiven Blase kann die Beckenbodenmuskulatur durchaus stark sein, das Problem liegt an der Kommunikation zwischen Blase und Gehirn. Hier setzt auch die Therapie an – ein Verhaltenstraining, bei dem man mit der übererregten Blase ins Gespräch kommt, ein Miktionsprotokoll, um sich über das Trink- und Toilettenverhalten klar zu werden. Viele belächeln diese Vorschläge zuerst. Sie erleichtern die Symptomatik aber erstaunlich oft. Dazu solltest du deinen Beckenbodenmuskulatur gut kennen lernen und präzise anspannen können, damit du bei Bedarf kraftvoll verschließen kannst.
Die weiterführenden Therapieoptionen sind bei der überaktiven Blase / Dranginkontinenz nicht sehr angenehm: es gibt Medikamente – hauptsächlich Anticholinergika – die die Reizübertragung in den Nervenenden hemmen und dadurch den Drang verringern. Leider wirken sie sich auch auf den restlichen Körper aus. Und die Vorstellung, sich alle paar Monate Botox in den Blasenmuskel spritzen zu lassen, ist sicher nur bei einem Schweregrad verheißungsvoll, der die Lebensqualität sehr stark einschränkt.
Training bei Inkontinenz – je eher desto besser
Sowohl bei Belastungsinkontinenz und überaktiver Blase gilt: Je eher du mit Beckenboden und Blase Freundschaft schließt, desto besser. Schiebe es nicht auf, von alleine verschwinden die Beschwerden garantiert nicht. Da die Hormone eine wichtige Rolle spielen, hilft es sehr, vor den Wechseljahren zu beginnen. Aber auch danach gilt: Je eher, desto einfacher ist es, deine Lebensqualität wieder zu gewinnen!
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