Allgemein

Inkontinenz – man spricht nicht gern drüber

Die verheimlichte Volkskrankheit Inkontinenz

Inkontinenz ist die Unfähigkeit, Urin und/oder Stuhl sicher zu speichern und auszuscheiden. Dabei müssen sowohl Ort als auch Zeitpunkt selbstbestimmt sein.

Inkontinenz EinlagenSchon beim Lesen der Definition spürt man, dass dies kein attraktives Thema ist. Wer einen älteren Familienangehörigen mit diesem Leiden hat, weiß, wie unangenehm es ist. Aber auch Jüngere sind oft bereits betroffen. Die Hersteller von Inkontinenzeinlagen arbeiten mit ihren Werbestrategien zwar derzeit daran, das Thema zu enttabuisieren, trotzdem eignet es sich wenig zum vergnüglichen Gesprächsstoff. Bei älteren Menschen kommt es oft zur sozialen Isolation. „Inkontinenz bringt einen nicht um, aber nimmt einem das Leben.“ Betroffene schränken sich  in ihrem Lebensradius sehr stark ein, damit sie in der Öffentlichkeit nicht in Bedrängnis kommen.

Probleme, die einen dazu bringen, sich so eine Einlage in den Slip zu kleben, werden häufig mit den harmloser klingenden Begriffen wie „Blasenschwäche“ oder „Reizblase“ bezeichnet. Die stehen für die beiden häufigsten Themen: Die Belastungsinkontinenz und die überaktive Blase. Wenn man wirkungsvoll etwas dagegen tun will, sollte man genau unterscheiden, was einen plagt:

Beginnt oft schleichend – das „Tröpfelproblem“

Zuerst ist es ein harmloses Tröpfchen, das man gelegenlich beim Niesen verliert, bevorzugt in den Tagen vor der Periode. Damit kündigt sich die Belastungsinkontinenz an. Den veralteten Begriff „Stressinkontinenz“ findet man immer noch sehr häufig. Dieser ist zumeist verwirrend, weil wir heute mit Stress eigentlich immer etwas mentales verbinden und nicht körperliche Belastung. Folgende Frage macht es klarer: „Verlieren Sie tröpfchenweise Urin beim Husten, Springen, Niesen und Joggen?“ Wenn Sie hier mit „Ja“ antworten müssen, dann leiden Sie unter einer Belastungsinkontinenz Grad 1. Sollten Sie schon bei abrupten Körperbewegungen eine unangenehme Feuchtigkeit verspüren, dann ist es bereits Grad 2. Zum Glück kann man in beiden Fällen häufig durch geeignetes Training Besserung erreichen.Hüpfende Mädels

Bei der Belastungsinkontinenz übersteigt der Druck von oben die Schließkraft der Blasenmuskulatur. Druck kann entweder intraabdominal durch das Zwerchfell verursacht werden, wie beim Husten, oder durch Auf- und Abbewegungen des Körpers wie beim Hüpfen oder Trampolinspringen.

Bei dieser Form der Inkontinenz helfen klassische, gut durchgeführte Beckenbodenübungen, die die Kraft des Schließmuskels erhöhen, oft sehr gut. Wichtig ist auch, die Körperhaltung zu verbessern, denn z.B. ein Hohlkreuz oder eine „bucklige“ Haltung bewirkt, dass die vorhandene Muskulatur nicht gut funktioniert. Und schließlich kann man noch verhindern, dass der Druck von oben ungebremst auf den Beckenboden prallt, z.B. indem man beim Husten und Niesen den Oberkörper deutlich zur Seite dreht, oder sich einen den Beckenboden schonenden Laufstil beim Joggen angwöhnt – kurz: nicht so sehr hüpfen, sondern eher flach laufen.

Erst wenn diese Optionen wirklich ausgeschöpft sind, und die verbleibende Inkontinz nicht tolerierbar ist, sollte man weiterführende Therapieoptionen in Betracht ziehen. Das sind Operationen, die den Blasenhals heben (TVT-Band, „Blase hochnähen“) oder Medikamente (Duloxetin).

Problem im Kopf – die „nervöse Blase“

„Wenn Sie müssen, müssen Sie dann sofort?“ Die überaktive Blase ist geprägt von überfallsartigem Harndrang, der einen zwingt, sofort eine Toilette aufzusuchen. Wem auf dem Weg dahin gelegentlich oder öfter ein Malheur passiert, hat bereits eine Dranginkontinenz, wer es noch regelmäßig schafft, nur eine überaktive Blase, denn schließlich bedeutet Inkontinenz immer Urinverlust.

Jetzt aber schnellAber das kann nerven, so oder so! Betroffene Frauen berichten, sie kennen jede Kaufhaustoilette. Und auch Männer sind nicht selten mit einer überaktiven Blase geplagt, vor allem im Zusammenhang mit einer gutartigen Prostatavergrößerung. Dabei muss die Blase noch gar nicht gefüllt sein für diesen lästigen Harndrang, oft sind die Urinmengen sogar recht gering.

Bei der überaktiven Blase kann die Beckenbodenmuskulatur durchaus stark sein, das Problem liegt an der Kommunikation zwischen Blase und Gehirn. Hier setzt auch die Therapie an – ein Verhaltenstraining, bei dem man mit der übererregten Blase ins Gespräch kommt, ein Miktionsprotokoll, um sich über das Trink- und Toilettenverhalten klar zu werden. Viele  belächeln diese Vorschläge zuerst, sie erleichtern die Symptomatik aber erstaunlich oft. Dazu kommt ein grundlegendes Kennenlernen der Beckenbodenmuskulatur, damit man im Bedarfsfall einen kraftvollen Verschluss zustande bekommt.

Die weiterführenden Therapieoptionen sind auch bei der überaktiven Blase / Dranginkontinenz nicht sehr angenehm: die Medikamente hemmen die Reizübertragung in den Nervenenden und beruhigen dadurch den Drang, wirken sich aber leider auch auf den restlichen Körper stark aus. Und die Vorstellung, sich alle paar Monate Botox in den Blasenmuskel spritzen zu lassen, ist sicher nur bei einem Schweregrad verheißungsvoll, der die Lebensqualität sehr stark einschränkt.

Training, so oder so – je eher desto besser

Dies sind die beiden bei weitem wichtigsten Formen der Inkontinenz – und in beiden Fällen gilt: Je eher, Sie mit Ihrer Blase Freundschaft schließen, desto besser für sie. Schieben Sie es nicht auf, von alleine verschwinden die Beschwerden garantiert nicht. Da die Hormone eine wichtige Rolle spielen, hilft es Ihnen sehr, vor den Wechseljahren zu beginnen. Aber auch danach gilt: Je eher Sie beginnen, desto einfacher ist es, ihre Lebensqualität wieder zu gewinnen!